Mittwoch, 2. Januar 2013
Über Maultaschen und Bahnsteige schreiben
Wenig ist so langweilig, wie wenn Leute, die schreiben, übers Schreiben schreiben. Wenn sie schreiben, wie sie versuchen Ideen zu beschreiben oder andere Ideen wieder abschreiben.
Doch Langeweile kann auch nutzen. Wenn man zum Beispiel in Zügen sitzt und auf das Annähern des Zielbahnhofs wartet, sollte man dem Unspannenden eine Chance geben in seinen Alltag einzuziehen, denn Unspannung führt zu Entspannung. Schreibe ich nun also über das, was ich sehe. Ein Bahnsteig. Kein bekannter Ort, kein großer Ort, kein schöner Ort, wohl aber ein Ort, an dem sich Dramen ereignet haben können. Dramen am Bahnsteig. Romantik und Treueschwüre, Szenen einer Ehe, Ankunft, Abfahrt, Abschied, Trennung... auf Zeit? Der Bahnsteig ist die letzte feste Konstante, bevor der Zug des Lebens jemanden in eine Reise hineinreißt, die ihn fortreißt. Möglicherweise wartet am Bahnsteig des Zielbahnhofs keiner auf den Ankömmling, dem nichts übrig bleibt als alleine durch unbekannte Menschenmassen seinen Heimweg anzutreten.
Das sind die wirklich großen Gedanken des Lebens.
Doch statt, dass man sich diese Tragik bewusst macht, der ein Alleinreisenden an einem beliebigen Bahnsteig an einem beliebigen Ort ausgesetzt ist, werden Plakate aufgehängt.
Maultaschenwerbung mit zufriedenen Familien. Dem armen Alleinreisenden wird nur eines vermittelt: WIR haben immer jemanden, der uns am Bahnsteig abholt. Und du nicht.
Ist es bei solchen Bildern denn verwunderlich, dass so viele Menschen genau an solch einem Ort ihrem Leben ein Ende bereiten?
Nur weil die Maultaschenindustrie ihre Werbung ausgerechnet an einem Bahnsteig platzieren muss!
Wäre es daher nicht viel sinnvoller, wenn sich die Maultaschenindustrie endlich ihrer Verantwortung bewusst wird? Statt Plakate aufzuhängen, könnte sie die Alleinreisenden mit kostenlosen Maultaschen versorgen. Vielleicht könnte dieses Zeichen von Nächstenliebe die Springer von ihrem Freitod abhalten und sie satt und lebenshungrig zugleich machen?
Bleibt nur noch die Frage der Finanzierung, denn alleine könnte das die Maultaschenindustrie nicht verkraften. Hier nun gleich die passende Lösung:
Glückliche Küsser, begleichen für die öffentliche Zurschaustellung ihrer innigen Liebe einen kleinen finanziellen Beitrag für ihre Mitmenschen. Dieser könnte von einem Bahnsteig-Kussangestellten eingefordert werden, ein professionell ausgebideter Küsser, der bei Bedarf auch die Küssenden unterstützen kann. So sind alle glücklich, die Liebe unterstützt die Alleinreisenden und die Maultaschenindustrie. Maultaschen werden über die Grenzen des Schwabenlandes berühmt und helfen gleichzeitig jenen armen Menschen, die es am nötigsten brauchen.
Während ich diese Zeilen schreibe, passiert es mir ab und zu, dass mir ein Lächeln entweicht. Vielleicht halten mich meine Mitfahrer für sonderbar, aber immerhin werde ich den Bahnsteig alleine UND fröhlich verlassen. So geschehen, da ich schreibe.

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